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Barock erklärt · Folge 2 Generalbass zum Mitspielen

Fast jede Barockmusik ruht auf einem Fundament, das nie ganz ausgeschrieben wurde: dem Generalbass. Notiert ist nur die Bassstimme mit ein paar Ziffern – den Rest erfindet der Spieler am Cembalo, an der Orgel oder der Theorbe im Moment. Hier kannst du das selbst ausprobieren, vom ersten Lesen der Ziffern bis zum sauberen vierstimmigen Satz.

Einstieg Vertiefung Profi – die Klangbeispiele: Cembalo in Vallotti-Stimmung, a′ = 415 Hz (siehe Folge 1).

Einstieg 1. Was ist Generalbass?

Um 1600 verändert sich die Musik grundlegend. Statt vieler gleichberechtigter Stimmen wie in der Renaissance-Polyphonie tritt eine Melodie – oft eine Singstimme – vor ein harmonisches Fundament. In Peris „Euridice“ und Cavalieris „Rappresentatione di Anima, et di Corpo“ (beide 1600) und in Lodovico Viadanas „Cento concerti ecclesiastici“ (1602) ist dieses Fundament bereits als bezifferte Bassstimme notiert. Für rund 150 Jahre wird das zur Grundlage fast aller Musik – Hugo Riemann sprach später vom „Generalbasszeitalter“.

Der Basso continuo ist dabei eine Gruppe: Ein Bassinstrument (Violoncello, Gambe, Fagott, Violone) spielt die notierte Linie, ein Akkordinstrument (Cembalo, Orgel, Laute, Theorbe, Harfe) ergänzt die Harmonien. Welche, steht in den Ziffern über oder unter dem Bass – wie sie gespielt werden, entscheidet der Spieler: Lage, Rhythmus, Verzierungen, Arpeggien. Generalbass ist geregelte Improvisation.

Einstieg Vertiefung 2. Ziffern lesen

Jede Ziffer bezeichnet ein Intervall über dem Bass, gezählt in Tonleiterstufen der Tonart: 3 ist die Terz, 6 die Sexte. Welche Terz – groß oder klein – ergibt sich aus der Vorzeichnung. Weil bestimmte Akkorde ständig vorkommen, kürzt man ab:

BezifferungbedeutetAkkord
keine Ziffer (oder 5, 3, 8)5/3Grundakkord
66/3Sextakkord – erste Umkehrung
6/46/4Quartsextakkord – zweite Umkehrung
77/5/3Septakkord
6/56/5/3Quintsextakkord
4/3 (oder 6/4/3)6/4/3Terzquartakkord
2 oder 4/2 (6/4/2)6/4/2Sekundakkord
♯, ♭ oder ♮ alleinTerz verändertz. B. Dur-Terz der Dominante in Moll
6♯, ♯6 (oder durchgestrichene 6)Sexte erhöht
4 – 3 (bzw. 4 – ♯)Vorhaltdie Quarte löst sich in die Terz auf

Wichtig: Ein ♯ hebt einen Ton um einen Halbton an – ist er laut Vorzeichnung ein ♭, wird er also zum ♮. In älteren Quellen steht deshalb oft ♯, wo wir heute ♮ schreiben würden.

Hier kann man Bezifferungen auflösen (braucht JavaScript).

Vertiefung 3. Die Oktavregel

Was tun, wenn ein Bass gar nicht beziffert ist – was in der Praxis oft genug vorkam? François Campion fasste 1716 eine Faustregel zusammen, die Vorformen schon im 17. Jahrhundert hat: die Règle de l’octave. Sie ordnet jeder Stufe der Tonleiter einen typischen Akkord zu – je nachdem, ob der Bass steigt oder fällt. Nur Grundton und Dominante tragen den vollen Dreiklang. Alle anderen Stufen bekommen Sext-, Quintsext- oder Terzquartakkorde, die zum nächsten Ruhepunkt drängen.

Hier kann man die Oktavregel üben (braucht JavaScript).

Die Regel gibt es auch für Moll, mit erhöhter 6. und 7. Stufe aufwärts. Und sie ist ein Ausgangspunkt, keine Vorschrift – im Kontext eines Stücks entscheidet die Harmonik.

Vertiefung Profi 4. Aussetzen und Stimmführung

Die Grundform, die alle Lehrwerke lehren: vierstimmig, die linke Hand spielt den Bass, die rechte drei Stimmen in enger Lage. Bach beginnt seine „Vorschriften und Grundsätze zum vierstimmigen Spielen des General-Bass oder Accompagnement“ (1738 von einem Schüler abgeschrieben) mit dieser Definition – und endet mit dem berühmten Satz, Finis und Endursache des Generalbasses solle „anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths seyn“.

Die wichtigsten Regeln:

  • Keine Quint- und Oktavparallelen. Zwei Stimmen, die im Abstand einer reinen Quinte oder Oktave in dieselbe Richtung weitergehen, verschmelzen zu einer – die Selbständigkeit der Stimmen geht verloren.
  • Dissonanzen auflösen. Die Septime eines Septakkords geht stufenweise abwärts; ebenso der Quartvorhalt in die Terz.
  • Nähe. Die Oberstimmen bewegen sich möglichst wenig, gemeinsame Töne bleiben liegen. Die Gegenbewegung zum Bass ist der sicherste Weg zu sauberen Sätzen.

Im Labor wählst du für jeden Bass, welcher Akkordton oben liegt. Die anderen zwei Stimmen setzt das Labor in enger Lage darunter. „Prüfen“ spielt deinen Satz und zeigt Parallelen und nicht aufgelöste Dissonanzen. Jede Übung ist lösbar – im Quintfall mit Septakkorden aber nur auf wenigen Wegen.

Hier kann man bezifferte Bässe aussetzen (braucht JavaScript).

Vertiefung 5. Ziffern nach Gehör

Ein guter Continuo-Spieler hört, was er spielt – und hört, was die anderen brauchen. Umgekehrt geht es auch: Du hörst Bass und Akkord und bestimmst die Bezifferung. Tipp: Achte darauf, ob der Bass der Grundton ist (ruhig, „5/3“), ob er nach oben drängt (Sextakkord) oder ob eine Dissonanz reibt (Septakkorde und ihre Umkehrungen).

Hier ist das Hörtraining (braucht JavaScript).

Profi 6. Für Profis: Praxis und Quellen

Vierstimmig ist nur der Anfang. Im Kammermusik-Continuo wird die Stimmenzahl frei gehandhabt – von drei Stimmen bis zu vollgriffigen Akkorden mit beiden Händen. Francesco Gasparini beschreibt in „L’armonico pratico al cimbalo“ (1708) die acciaccatura, eine kurz angeschlagene, dissonante Nebennote im Akkord, die dem Cembalo Würze gibt.

Rezitativ. Im Secco-Rezitativ werden Akkorde meist kurz angeschlagen und dann liegen gelassen; über die Länge der Basstöne wird bis heute diskutiert.

Orgel, Cembalo, Laute. Die Orgel hält die Töne, das Cembalo verklingt – darum wird am Cembalo arpeggiert und wiederangeschlagen, an der Orgel eher sparsam und tiefer gespielt. Laute und Theorbe haben andere Griffmöglichkeiten und spielen oft in weiter Lage.

Die großen Lehrwerke. Johann David Heinichen, „Der General-Bass in der Composition“ (Dresden 1728) – fast tausend Seiten, die umfassendste deutsche Generalbasslehre. Johann Mattheson, „Grosse General-Baß-Schule“ (1731). Carl Philipp Emanuel Bach, „Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen“, zweiter Teil (1762), ganz dem Accompagnement gewidmet. Für Frankreich Jean-Henry d’Anglebert und Campion, für Italien Gasparini.

Was das Labor nicht prüft: verdeckte Parallelen, Stimmkreuzungen, Verdopplungsregeln (etwa keinen Leitton verdoppeln), den Ambitus der Oberstimme, die Auflösung des Leittons. Für den ersten Zugang ist das bewusst ausgespart – am Instrument zählt es.

Selbst hören

Wer auf den Continuo achtet, hört jedes Konzert neu – zum Beispiel hier, mit Cembalo, Orgel oder Theorbe:

Notensymbole: Bravura (SIL Open Font License). Klang: im Browser erzeugt, keine Aufnahmen.

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